Musik, die nicht nur gehört, sondern gefühlt wird – so könnte man Colbingers Werk am besten beschreiben. Der Gitarrist, Sänger und Poet aus Bayern hat mit seiner unverwechselbaren Stimme und seinen tiefgründigen Texten eine Nische geschaffen, in der die großen Fragen des Lebens zur Musik werden. Mit „Sünder, Pilger & Rebell – Part 2: Pilger“ legt er den zweiten Teil seiner Album-Trilogie vor und lädt uns dazu ein, gemeinsam mit ihm auf eine musikalische Pilgerreise zu gehen. Die Themen, die ihn dabei antreiben, reichen von den Herausforderungen der digitalen Welt über den Mut zur Freiheit bis hin zu den inneren Kämpfen, die wir alle kennen. Im Gespräch mit Colbinger wollen wir herausfinden, was hinter den Zeilen seiner neuen Songs steckt, wie er seine eigene Reise durch die Musik erlebt und welche Botschaften er uns mitgeben möchte.
01. Dein neues Album trägt den Titel „Sünder, Pilger & Rebell – Part 2: Pilger“. Wie würdest du den Begriff „Pilger“ im Kontext deiner Musik definieren? Was bedeutet diese Reise für dich?
Meine Lieder, die Gedichte, Aphorismen und Texte sind einzelne Stationen, sie sind Teil von allem und stehen auch einzeln für sich. Sie belegen nachvollziehbar einen Erkenntnisweg und umso weiter er geht, je tiefer ich vordringe, so erfahre ich immer neues von dem was mich und uns umgibt, immer mehr über die Menschen und mich selbst. Es geht um den Mut sich aufzumachen, sich zu öffnen, zu erfahren, dazuzulernen, sich zu irren, zu erleben und dran zu bleiben. Dieses „Warum“ der Reise wird immer leichter, je weiter der Weg geht und vor allem: es befreit.
02. Der Song „5 Sekunden“ spricht über den Wahnsinn der Informationsflut im Internet. Was war für dich der Auslöser, dieses Thema so direkt aufzugreifen?
Als ich wieder erneut bestätigt wurde, dass der Zugang zu Informationen, nicht gleichzeitig zu mehr Wissen führt. Das der Mensch das Wesen von Technologien verstehen muss, um es als Werkzeug und Mittel zu begreifen, um etwas Besseres zu erlangen. Das Internet ist eine unfassbare Erfindung, es erleichtert die Kommunikationswege im Austausch und birgt aber genau dadurch einen seiner größten Schwachpunkte: die Informationsflut der Irrelevanten, der kranken Sensationen und die hohlen Idole und schlicht das Zumüllen des Hier und Jetzt. Eine der wichtigsten Herausforderungen der digitalisierten Gesellschaft ist es, das Menschsein nicht zu verlieren und nicht zu „Nullen-und-Einsen-Zombies“ zu mutieren. Lernen wir damit umzugehen.
03. In „Das mit dem Freisein“ setzt du dich mit dem Mut auseinander, sich selbst zu begegnen. Wie schaffst du es, dich selbst von äußeren Einflüssen abzugrenzen und authentisch zu bleiben?
Indem ich schlicht und ergreifend versuche aufrecht zu gehen, meine Sinne schärfe und mich in meinem Handeln selbst reflektiere. Ich erlaube mir die Frage: Warum? Jemand, der von sich selbst behauptet eben das zu sein, der ist es garantiert noch nie gewesen. Authentizität ist kein Kostüm, sie kann nur von anderen erkannt werden, da sie nur das Ergebnis eines Weges mit sichtbaren Taten durch eigene Fähigkeiten sein kann und viel wichtiger noch, sie ist den eigenen Ansprüchen gewachsen und darf auch gern von einem edelmütigen Charakter zeugen.
04. Die Trilogie „Sünder, Pilger & Rebell“ behandelt starke menschliche Themen. In welchem der drei Begriffe erkennst du dich am meisten wieder und warum?
In allen drei nur zur anderen Zeit und an einem anderen Ort. Diese Aspekte der Persönlichkeit liegen in uns allen, in verschiedenen Ausprägungen und Wirkungen. Die Selbstreflexion gibt die Antwort, wer Du just in diesem Moment bist. Der Sünder begeht den Fehler, der Pilger erkennt und der Rebell lernt und verändert. Es beginnt jeden Tag von neuem.
05. Deine Lieder haben oft eine tiefere Bedeutung und sind mehr als nur persönliche Geschichten. Wie findest du die Balance zwischen autobiografischen Elementen und universellen Botschaften?
Es sind nicht die bloßen Beschreibungen von Kulissen und dem vermeintlichen Platz des Autors darin. Von Phrasen und der ständigen Wiederholungen im Kreisverkehr von Befindlichkeiten. Es geht um das Dahinter, dem Darunter, dem Darüber, das was in den Tiefen der unsichtbaren Ebenen unseres Seins verborgen ist und aus dem ein Entwicklungsprozess von innen nach außen in Gang gesetzt werden kann. Im Endeffekt ist alles autobiografisch, da das Erlebte erst die Formulierungen möglich machen.
06. „Tanz mit dem Teufel“ scheint eine Hommage an innere Kämpfe zu sein. Was inspiriert dich, sich mit den „Teufeln“ unserer Zeit auseinanderzusetzen?
Ich liebe das Leben und fürchte nichts, woran ich nicht glaube. Viele Dinge sind anfangs in ihrem Wesen nicht gleich zu erkennen. Die gute Absicht wird dich nicht zwingen, sie bestärkt dich zu erfahren und zu lernen. Wer sich ein Gedächtnis bewahrt wird mehr und mehr auf Muster stoßen, auch auf seine eigenen und vor allem wo der Teufel nicht nur im Detail steckt.
07. Mit „Salut dem Leben!“ feierst du das Leben. Was bedeutet für dich persönlich „lebensbejahend“ zu leben, gerade in Zeiten von Herausforderungen?
Das ganze Leben ist eine Herausforderung. Nichts bleibt, wie es war. Alles fließt. Die Frage ist, was Du daraus machst, ohne von anderen fälschlicherweise Garantien abzuverlangen. Das Leben wurde uns allen gegeben und da wo du gerade bist, dort geht es los und vergessen wir alle nie die Würde des anderen.
08. Du sprichst in „Kein Applaus“ von Selbstreflexion und dem Mut zur Einsicht. Wie wichtig ist dir das Thema Selbstkritik in deinem kreativen Schaffensprozess?
Wer in der Lage ist Selbstbild und Selbstbewusstsein zu unterscheiden, kann erst durch die Oberfläche in sein Inneres vordringen. Die Kraft der Selbstkritik ist ein Werkzeug und hilft bei richtiger Dosierung die eigenen Grenzen zum richtigen Zeitpunkt zu überschreiten.
09. „Der erste Schritt“ beschäftigt sich mit der Schwierigkeit des Anfangens. Was war für dich persönlich der herausforderndste Schritt in deiner Musikkarriere?
Mir nicht selbst im Wege zu stehen.
10. Mit 450 Konzerten in den letzten Jahren bist du viel unterwegs gewesen. Wie beeinflusst diese ständige Bewegung deine Musik und deine Sicht auf die Welt?
Gerade in den letzten Jahren sind die tiefgründigsten und bisher wichtigsten Lieder entstanden. Das liegt vor allem an den Begegnungen und Lebenswelten vorort. Das alles befruchtet dann den künstlerischen Schaffensprozess und seinen universellen Ausdruck. Auf diese Weise kann ich in meinen Konzerten durch die Lieder und Texte den Menschen auch von einander verbindend erzählen.
11. Deine Arbeit umfasst nicht nur Musik, sondern auch Gedichte, Aphorismen und gesellschaftliche Kommentare. Wie hilft dir das Schreiben, deine musikalische Welt zu erweitern?
Durch das Besuchen und Ergründen anderer Realitäten erkennt man die Muster in menschlichen Beziehungen, ihre Abhängigkeiten, Manipulationen, Unfreiheiten und Begrenzungen. Diese führen sich in den gesellschaftlichen Prozessen und ihren Willensbildungen fort. Wer sich als Teil erkennt und die Perspektive wechselt und vor allem den eigenen Irrtum akzeptiert und bereit ist dazuzulernen, dem wird das noch Unbewusste bewusst. Das Schreiben über gesellschaftliche Themen und auch deren Unmöglichkeiten ist für mein gesamtes Wirken insofern wichtig, weil mehr Ebenen durch integrale Betrachtung erreicht werden, als nur ohne Gedächtnis auf einer begrenzten Oberfläche weiter dahin zu dämmern. Die Essenz aus alledem wird dann wiederum zur Sprache meiner Lieder.
12. Du hast die Bühne mit Künstlern wie Chris Slade von AC/DC und Tito & Tarantula geteilt. Was haben diese Begegnungen in dir bewirkt, und was hast du von ihnen mitgenommen?
Dass sie Menschen sind, die ihren Weg gehen. Jeder auf seine Art und Weise, an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Was sie gleich macht ist, dass sie einfach immer weiter gemacht haben, weil es um die Musik und die Freiheit darin geht.
13. Die Zusammenarbeit mit Radiostationen wie Rockradio.de und deine eigene Rubrik bei DaHogn zeigen, dass dir auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen wichtig ist. Was treibt dich an, über Musik hinaus gesellschaftlich aktiv zu sein?
Die freie Kunst hat zur Aufgabe zu beschreiben und aufklärerische Prozesse anzustoßen, schlicht zum Nachdenken, Durchdenken und Vordenken zu motivieren. Immer wieder die Perspektive zu wechseln, um dadurch gesellschaftliche Verkrustungen und Ungerechtigkeiten zu erkennen und vor allem zu benennen. Sie muss sich die Freiheit bewahren keine Dienstleistung an bloßen
Befindlichkeiten zu sein.
14. Jedes deiner Alben und Projekte scheint einen roten Faden zu haben. Wie siehst du deine musikalische Entwicklung seit deinem ersten Soloalbum im Jahr 2015?
Seitdem sind Lieder für mindestens drei Alben entstanden. Eine inhaltlich sehr fruchtbare Zeit, die sich auch in den Gedichtbüchern und in allen anderen Veröffentlichungen und Beiträgen erweiternd zeigt. Ich weiß um meine Werkzeuge und bin gespannt, was sich da noch so alles herausschält. Das neue Studioalbum ist auf jeden Fall ein persönlicher Meilenstein, was die weitere Schärfung meines musikalischen Stils betrifft.
15. Was wünschst du dir, dass deine Zuhörer und Fans aus dem zweiten Teil deiner Trilogie „Pilger“ mitnehmen? Welche Botschaft soll sie besonders berühren?
Das Leben ist ein Geschenk und mit ein wenig Mut zur Selbstreflexion kann es zum Abenteuer werden. Emanzipieren wir uns von den irrigen Geistern anderer und vergessen unsere dabei nicht. Sein wir friedlich im Ansinnen, erfahrend, achtend und lernend. Machen wir uns auf und bleiben wir dran. Salut dem Leben!
Huey Colbinger
Fragen / Journalist: Thomas Groh
Colbingers Musik zeigt uns, dass Kunst die Kraft hat, Brücken zu bauen – zwischen Menschen, Gefühlen und Lebenswegen. Mit seiner Album-Trilogie „Sünder, Pilger & Rebell“ eröffnet er uns nicht nur neue Perspektiven, sondern fordert uns auch dazu auf, uns selbst und unsere Umgebung bewusster wahrzunehmen. Es war inspirierend, Einblicke in seine Gedanken und seine künstlerische Reise zu gewinnen, und wir danken ihm dafür, dass er seine musikalische Pilgerreise mit uns teilt. Möge seine Musik auch weiterhin wie ein Leuchtfeuer sein, das uns ein Stück mehr zu uns selbst bringt.